Und wieder ist Zeit vergangen. Anfangs zeichnete immer mehr das Vorher und das Nachher in ganz Chile ab. Das Voher war eine Zeit, ein Leben in Chile, das so unwirklich wirkte, dass es kaum vorstellbar war, dass vor Kurzem, Chilenen im ganzen Land so problemlos ihr Leben gelebt hatten und nun aber alle in zwischen völlig zerstörter Gebiete ohne Lebensmittel oder Unkterkunft auf der Strasse sassen, von den hunderten Toten gar nicht zu reden.Doch auch das hat sich beruhigt. Statt der grossen Panik, der Erschütterung, Trauer, der nicht in Worte zu fassende Gefühle, fängt nun ein neuer Abschnitt an - der Wiederaufbau, die Normalisierung nach der Katastrophe. Während in Santiago relativ schnell wieder alles beim Alten war. Es dauerte weniger als eine Woche, dass Metro, Busse und Taxis wie gewohnt durch die Stadt rasten, Menschen die Strassen füllten und auch die ersten Fernsehrsendern von 24 stündigen Rund-um-die-Uhr-Nachrichten zurück auf das normale Programm umschalteten. Titelseiten der Tageszeitungen zeigten die ersten Nicht-Erdbeben-Bilder und auch ich fand schnell wieder in meinen Alltag hinein. Sogar der Flughafen funktionierte nach wenigen Tagen provisorisch und nun immer besser. Zumindest konnte meine Schwester Elli mit nur zweitägiger Verspätung in Santiago landen.
Im Süden wohnen viele Leute weiterhin in Zeltlagern, notdürftig aufgestellten Containern oder andere Ersatzmöglichkeiten für all die vielen eingestürzten Häuser. Der neue Präsident Sebastián Piñera hat versprochen, dass in zwei Wochen, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wieder alle Kinder zur Schule gehen können und ich schätze, dass dann langsam der eigentlich Wiederaufbau beginnt der aber sicher Jahre in Anspruch nehmen wird. Die Chilenen zeigen jedoch eine erstaunliche Stärke und Bereitwilligkeit zur Unterstützung. Eine der bekanntesten Fersehshows hat in einer Spendenaktion für alle chilenischen Bürger oder Firmen innerhalb von 24 Stunden eine Summe von 30.000.000.000 Pesos (knapp 43Mio Euro) zusammengesammelt. Sogar einige internationale Spenden waren dabei, so versteigerte z.B. der Fussballverein Real Madrid ein von allen Spielern signiertes Trikot im Internet. Auch die Werbung im Fernsehen hat sich über Nacht komplett geändert. So hat jetzt jede Firma irgendeine Aktion am Laufen, die dem Land helfen soll wie z.B. die grösste Baumarktkette für jeden verkauften Ziegelstein einen für den Wiederaufbau spendet.
Wir in unserer Wohnung haben kaum Probleme, mussten eine kruze Mail mit Schadesbericht an das Vermietbüro schicken, die dieses uns hoffentlich zahlt, und ansonsten sind wir wirklich gut davongekommen. An die Nachbeben hat man sich schon längst gewöhnt. Pro Tag bebt es an die zehn mal, wovon man aber oft nur zwei oder drei mal mitkriegt, denn im wilden Strassenverkehfr der Grossstadt vibriert der Boden nun mal ständig. Wenn es euch interessiert zu schauen, wie viel es bebt, wie stark und wo genau, dann schaut doch einfach mal auf den folgenden Link:
Erdbeben in Südamerika
Dort ist auch das zweite Erdbeben verzeichnet, das wir vor genau einer Woche erlebten. Da man inzwischen sehr gelassen mit dem leichten Zittern des Fussbaodens umgeht, dauerte es eine Weile, bis wir bemerkten, dass das mehr war. Mit zwei Erdbeben an der 7.0-Grenze innerhalb von 15 Minuten wurde Chile noch einmal ordentlich durchgeschüttelt, die gesamte Küste bereitete sich mit Evakuationsaktionen auf jedoch nie eintretende Tsunamis vor. Und auch vorgestern abend schwankte das ganze Gebäude bei 6.7 bedenklich hin und her. In unserer Wohnung haben wir es schon längst so abgemacht, dass alle mit offenen Türen schlafen, da die Gebäude so gebaut sind, dass sie sich bei Erdbeben flexible hin und her biegen können, wobei aber immer wieder Türen die Bewegungen behindern und sich so die Rahmen verziehen und die Türen nicht mehr zu öffnen sind. Zusätzlich zu den offenen Türen schlafen wir meistens mit Schuhen neben dem bett und einem Pullover griffbereit. Ausserdem liegt auf meinem Nachttisch immer meine Taschenlampe, die die einzige in unserer Wohnung ist und durch regelmässiges Drücken, also ohne Batterien, funktioniert. Allgemein ist man einfach schreckhafter und aufmerksamer. Als vor einigen Tagen der Feueralarm anging, der auch schon zu meinen Zeiten mit Bruce immer mal wieder falschen Alarm ausgelöst hatte, jedoch nie von jemandem grossartig beachtet wurde, stürmten alle Nachbarn auf den Flur, um zu fragen, was los sei. Und einem kleinen Testalarm mussten wir uns neulich unterziehen bei dem grossen "apagón" ("Stromausfall"). Wir - Elli, Valerie, Lisa und ich - waren alle zu Hause und jeder mit irgendetwas beschäftigt als plötzlich das Licht ausging. Alamiert, wie man momentan nun mal ist, schnappten wir uns Schuhe und Jacke und ginge mit Taschenlampe das Treppenhaus hinunter, schliesslich sollte es beim ersten Erdbeben auch einen Stromausfall gegeben haben. Draussen trafen wir uns mit vielen Nachbarn, die alle verwirrt und verängstigt dreinschauten. Wir gingen also zu nächsten grossen Strassenecke und stellten fest, dass die gesamte Stadt dunkel war, ein Bild, das ich noch nie so gesehen hatte. Nach ungefähr einer Stunde Unterhaltungen auf der Bordsteinkante über Kinderserien und -filme, folgten wir dann einfach unseren Nachbarn und gingen zurück in die Wohnung, wo wir bei Kerzenschein zu Abend assen. Und siehe da, auf einmal machte es
summ und alles war wieder hell. Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die vom Erdbeben "geschwächte" nationale Stromzentrale, wie ich es einfach mal nenne, einen Ausfall hatte und so 80% aller chilenischen Haushalte im gesamten Land dunkel waren. Abenteuer, aber nichts passiert.
So, ich denke, das wär so erst einmal alles wichtige. Der Rest meiens Reisetagebuchs und Ellis Besuch werde ich dann in der näcshten Zeit nachliefern und dann...geht es auch schon zurück. Ist euch das eigentlich klar? Nach über eineinhalb Jahren Chile, werde ich nun wieder vorerst nach Deutschland ziehen. Aber ja, keine Gedanken daran jetzt, wirklich nicht.
Macht's alle gut und bis bald!
Daniel
PS. Eins noch: Die grösste Bierreserve wurde von dem Erdbeben zerstört und viele Marken liefern keinen Nachschub mehr, sodass Supermärkte in weiten Teilen ihre letzten Bierflaschen verkaufen oder schon komplett
bierlos sind. In einer anderen Gegend, in einer Kleinstadt, sind die Weinlager eines Weinberges ausgelaufen und durch die Strassen gespühlt worden, sodass Massen von Strassenhunden betrunken durch die Stadt torkelten oder an den Ecken ihren Rausch ausschliefen. Dinge, die so passieren...