Kapitel 1:
Ein ganzer Monat beginnt
Ein Monat ist seit dieser Begegnung am Flughafen nun schon vergangen und Janek und Minja sitzen wahrscheinlich gerade bei sich zu Hause in Deutschland mit anderen Dinge im Kopf als Chile. Ich weiß noch genau, wie es war, mit den beiden im Auto Richtung unserer Wohnung zu fahren. Es war, wie ich erwartet hatte, es war genau, wie damals mit meiner Familie. Ich musste mich immer wieder aufs Neue daran erinnern, wie besonders es ist, Janek und Minja in die Augen zu schauen, während ich mit ihnen rede. Aber es fühlte sich an, als sein sie niemals weg gewesen, so vertraut, so ganz ungewohnt normal.
So ging es also in unsere Wohnung und von dort aus nach relativ kurzem Begrüßen und Kennenlernen ab in die Mall. Minja wollte wissen, wie ihre Einkaufsmöglichkeiten für die nächste Zeit so aussahen und erfreute sich darüber hinaus ausgiebig an den frischen Pfirsichen und weiteren Obstsorten, die unser großer Supermarkt zu bieten hatte. Während dessen erklärte ich Janek - so unter Männern - , wie man richtig auf chilenische Art und Weise grillt.
Es war ein gemütlicher erster Tag. Vielleicht wurde mir diese Stimmung auch ein wenig durch den ungewöhnlich bewölkten Himmel vermittelt, der den gesamten Tag der Sonne das Durchkommen verwehrte. Da die gefühlten 20°C jedoch ein Hochsommer zu dem war, was meine Freunde in Bielefeld zurückgelassen hatten, schien es wenigstens die beiden nicht zu stören und wir verbrachten ein entspannten Abend auf unserem Balkon, einfach die Gegenwart des Gegenüber genießend.

Den nächsten Tag nutzten wir direkt für die immer wieder wichtige Tour durch Santiago Centro, der Innenstadt, in der das Regierungsgebäude La Moneda, der zentrale Plaza de Armas, die Börsenstraße Nueva York und der so schöne Hügel Santa Lucía jedes Mal aufs Neue Ziel meiner kleinen Rundführungen für meine Besucher wurden.
Auch Minja und Janek konnten sich nur schwer satt sehen an der Schönheit der Großstadtoase Santa Lucía und nur schwer die Begeisterung unterdrücken beim Kosten der "El Rapido"-Empanadas. Welch ein gelungener und vor allem sehr intensiv genutzter Einstieg in das Leben der Stadt Santiago de Chile.

Da ich mir nicht einfach vier ganze Wochen Urlaub nehmen konnte, war klar, dass ich zwischen durch immer mal wieder auch einen Blick bei Acógeme reinwerfen mu
sste. Der folgende Tag schien mir dafür sehr gut geeignet, weil die Zentrumstour und der vorige Tag gezeigt hatten, dass der Flug sowohl von Janek als auch von Minja sehr gut überstanden worden war, dennoch aber seine Spuren hinterlassen hatte, deren Folgen vor allem nach dem langen Marsch durch die Innenstadt deutlich wurden. So gönnte ich den beiden einen gemeinsamen Tag zu zweit am Pool, in der Mall oder wo sie wollten, während ich mich dem eigentlichen Mittelpunkt meines Daseins in Chile widmete - meiner Arbeit mit den frisch aus den Ferien zurückgekehrten Kindern aus La Granja.

Kapitel 2:
Party bei den Jungs
Den Freitag verbrachten wir relativ ähnlich. Ich arbeitete, während Janek und Minja voller Motivation gegen ihre Winterbleiche ankämpften und sich zwischendurch einen Abstecher auf ein Eis in der Mall genehmigten.

Der einzige, aber erhebliche Unterschied war der, dass mit dem Freitag das Wochenende begann. Der Plan lautete, gemütlich nach der Arbeit bei uns zu Hause anzukommen und erst einmal Pause zu machen, um danach auf den Geburtstag von Gaby, einer Freundin von Bruce und mir, zu gehen und von dort aus möglicherweise sogar weiter ins Café Vallarta, eine nahegelegenen Disco. Es war natürlich ein Fehler, einen Freitagabend überhaupt zu planen, wenn man in Chile ist, aber sobald man Besuch aus Deutschland hat und wieder unter diesem Druck steht, das best mögliche aus jedem Tag rauszuholen, beginnt man auch wieder als Deutscher zu denken und verfällt dem Planen und Organisieren, wie die Motte der Schönheit des Lichts. Sie merkt es erst, wenn es schon zu spät ist. Kurz muss ich natürlich hinzufügen, dass ich auch im chilenischen Leben versuche, das Beste aus jedem Tag herauszuholen, doch der lockere Latinostil, der hier gelebt wird, lehrt einen, - ich will es einmal so formulieren - dieses Beste nicht zu sehr zu erzwingen.
Ja, warum war es ein Fehler, den Freitagabend zu planen? Man sollte ganz einfach an Bruce' und meiner Stelle immer damit rechnen, dass das eintreten kann, was eintrat. Rodrigo schlug uns vor auf ein Feierabendbier mit uns in die Wohnung zu kommen und die Arbeitswoche so auf eine entspannte Art ausklingen zu lassen. Wir hielten das für eine sehr adäquate Maßnahme vor dem Hintergrund, dass wir in dieser Woche ganze zwei Tage wirklich gearbeitet hatten, die wir als ausreichende Rechtfertigung für ein oder drei Bier sahen. Leider rutschten uns bei der Besprechung des Plans die Worte "später", "wir", "Bier" und "Wohnung" etwas zu laut heraus, so dass Ilse hellhörig wurde. Leider ist Ilse nicht die, die fragt, ob sie nicht auch kommen kann. Und so schrie Ilse also in die von unseren Mitarbeitern gefüllten Räumlichkeiten "PARTY BEI DEN JUNGS!"
Eine knappe halbe Stunde später saßen wir, das heißt Janek, Minja, Bruce und sein deutscher Freund Yannick, Ben, mein gesamtes Team aus Acógeme und noch ein paar scheinbar von Mitarbeitern eingeladene Bekannte - wenn schon einmal Party bei uns ist, dürfen natürlich die Massen nicht fehlen.
Dass sich der schon am Donnerstag erledigte Einkauf von gewissen Mengen, durch ein Sonderangebot nicht mehr ganz so teuren, HavanaClub-Rums für das Wochenende schnell als zweiter großer Fehler entpuppte, erwähne ich nur noch am Rande. Bruce und ich improvisierten also als Sklaven der höflichen Resignation und kreierten diverse Fingerfood-Häppchen, die wir am Ende jedoch, hungrig vom Tag, fast ganz alleine aßen. Glücklicherweise schafften wir es nach ca. drei Stunden mit unserem Argument, wir seien auf einem Geburtstag eingeladen, zu überzeugen und so löste sich die Gesellschaft auf, eine halbe Stunde bevor wir losgehen wollten.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich wohl am besten den weiteren Abend ohne meine geplante Ruhepause überstehen konnte und kam niedergeschlagen zu dem Ergebnis, besser nicht darüber nachzudenken. Bruce' unverfälschte Mimik offenbarte einen scheinbar parallelen Gedankengang der beiden bedingt freiwilligen Gastgeber.
Was soll jedoch das Gemoser? Minja hatte Kuchen gebacken und so ging es auf zu Gaby. Wir hatten uns überlegt, - Planung! Fehler! - dass, wenn wir eine Stunde zu spät ankämen, kämen wir wahrschienlich zusammen mit den anderen Gästen, die als Chilenen dem Gastgeber sowieso immer eine Stunde mehr für Vorbereitungen schenken, wären aber immer noch früh genug, um danach noch zu humanen Zeiten in die Disco zu gehen bzw. so, dass es sich lohnt, den Eintritt zu zahlen. Oft frage ich mich beim Erzählen solcher Anekdoten aus meinem Leben hier in Chile, ob es wirklich notwendig ist, zu erwähnen, dass es nicht so kam, wie wir uns das erdacht hatten. Der Plan wurde unglaublicherweise durchkreuzt.
Wir kamen in der an den Bergen gelegenen Wohnsiedlung um halb elf an. Es war schon dunkel und die kühle Nachtluft strich uns sanft über das Gesicht, als wir staunend und wie versteinert den Hang hinunter in Richtung Zivilisation sahen. Gierig saugten wir die Aussicht der tausend Lichter bei Nacht ein, die einen goldgelben, flimmernden Schleier über das sonst so trocken grüne La Florida zogen. Nach einer Schweigeminute für diesen vergänglichen Augenblick betraten wir die Siedlung in der wir auf Rocío trafen, eine Freundin von Gaby, die uns zum Haus des Geburtstagskindes führte. Leider wurden wir schon auf dem Weg dorthin mit der traurigen Wahrheit konfrontiert. Mit der Wahrheit, dass außer zwei guten Freunden von Gaby und Rocío noch niemand da war. Selbst Gaby war noch einkaufen. Nun, die Dinge laufen hier einfach anders. Genervt, aber eisernen Willens, diesen Abend auf meinen Besuch, Gaby Geburtstag, die Jugend, Chile, Deutschland und das Leben anzustoßen, tranken wir gemütlich einen Rum und warteten.
Es dauerte noch mindestens eine Stunde bis man von einigen Gästen reden konnte. Dann wurde es jedoch immer amüsanter und am Schluss fiel es uns wirklich schwer, zu gehen, aber die Disco hatte sich im Verlauf des Abends als immer stärkerer Favorit für die Position des abendlichen Höhepunkts herauskristalisiert und war inzwischen fester Bestandteil unseres Plans - ja, immer noch mit Plan unterwegs - geworden. Es war eine lustige Nacht. Irgendwie lief nichts so, wie wir es wollten, aber wenn man uns gefragt hätte, so hätte jeder geantwortet, dass er Spaß habe und alles andere als schlechter Laune sei. Es steckt schon viel Weisheit in der bis ins Letzte gelebten Gelassenheit, die diese Welt hier unten regiert. Mit neuem Taxifahrer, aber gleichem Ausblick ging es dann wieder den Berg hinab und so geschafft ich auch war, der milde Luftzug durch das Fenster, die Stimmung im Taxi und der Gedanke an drei weitere Wochen mit Janek und Minja malten mir ein so offensichtliches und offensives Lächeln ins Gesicht, als sei ich das lebendige Gegenstück zur Mona Lisa. Leider wurde ich schnell wieder auf den Boden zurückgeholt, denn Janek ging es scheinbar überhaupt nicht so. Nicht, dass er die Mona Lisa gewesen wäre, es ging ihm einfach nicht gut und er fühlte sich immer schlechter, so dass Minja und Janek vor dem Eingang der Disco kehrt machten und mit dem nächsten Taxi wieder nach Hause fuhren. Mein Gesicht verwandelte sich von einem Woopi Goldberg nicht unähnlichen Grinsen in etwas, was nun deutlich näher an der Mona Lisa war. Dennoch, Ben, Bruce und ich gingen trotzdem hinein und trafen dort Cecilia mit ein paar Freunden, die auch auf der Suche nach Musik und Tanz waren. Und so feierte ich also im Namen unserer Freundschaft für Janek und Minja mit - man tut ja, was man kann - und ertappte mich dabei, wie ich mich heimlich freute, dem hohen Verwaltungschef von María Ayuda noch vor ein paar Stunden auf unserem Balkon seinen hoffentlich letzten Rum eingeschenkt zu haben.
Fortsetzung folgt...
PS. Ich habe meine Fotogalerie wieder einmal aktualisiert. Viel Spaß beim durchstöbern!
Ein Monat ist seit dieser Begegnung am Flughafen nun schon vergangen und Janek und Minja sitzen wahrscheinlich gerade bei sich zu Hause in Deutschland mit anderen Dinge im Kopf als Chile. Ich weiß noch genau, wie es war, mit den beiden im Auto Richtung unserer Wohnung zu fahren. Es war, wie ich erwartet hatte, es war genau, wie damals mit meiner Familie. Ich musste mich immer wieder aufs Neue daran erinnern, wie besonders es ist, Janek und Minja in die Augen zu schauen, während ich mit ihnen rede. Aber es fühlte sich an, als sein sie niemals weg gewesen, so vertraut, so ganz ungewohnt normal.
So ging es also in unsere Wohnung und von dort aus nach relativ kurzem Begrüßen und Kennenlernen ab in die Mall. Minja wollte wissen, wie ihre Einkaufsmöglichkeiten für die nächste Zeit so aussahen und erfreute sich darüber hinaus ausgiebig an den frischen Pfirsichen und weiteren Obstsorten, die unser großer Supermarkt zu bieten hatte. Während dessen erklärte ich Janek - so unter Männern - , wie man richtig auf chilenische Art und Weise grillt.
Den nächsten Tag nutzten wir direkt für die immer wieder wichtige Tour durch Santiago Centro, der Innenstadt, in der das Regierungsgebäude La Moneda, der zentrale Plaza de Armas, die Börsenstraße Nueva York und der so schöne Hügel Santa Lucía jedes Mal aufs Neue Ziel meiner kleinen Rundführungen für meine Besucher wurden.
Da ich mir nicht einfach vier ganze Wochen Urlaub nehmen konnte, war klar, dass ich zwischen durch immer mal wieder auch einen Blick bei Acógeme reinwerfen mu
Kapitel 2:
Party bei den Jungs
Den Freitag verbrachten wir relativ ähnlich. Ich arbeitete, während Janek und Minja voller Motivation gegen ihre Winterbleiche ankämpften und sich zwischendurch einen Abstecher auf ein Eis in der Mall genehmigten.
Der einzige, aber erhebliche Unterschied war der, dass mit dem Freitag das Wochenende begann. Der Plan lautete, gemütlich nach der Arbeit bei uns zu Hause anzukommen und erst einmal Pause zu machen, um danach auf den Geburtstag von Gaby, einer Freundin von Bruce und mir, zu gehen und von dort aus möglicherweise sogar weiter ins Café Vallarta, eine nahegelegenen Disco. Es war natürlich ein Fehler, einen Freitagabend überhaupt zu planen, wenn man in Chile ist, aber sobald man Besuch aus Deutschland hat und wieder unter diesem Druck steht, das best mögliche aus jedem Tag rauszuholen, beginnt man auch wieder als Deutscher zu denken und verfällt dem Planen und Organisieren, wie die Motte der Schönheit des Lichts. Sie merkt es erst, wenn es schon zu spät ist. Kurz muss ich natürlich hinzufügen, dass ich auch im chilenischen Leben versuche, das Beste aus jedem Tag herauszuholen, doch der lockere Latinostil, der hier gelebt wird, lehrt einen, - ich will es einmal so formulieren - dieses Beste nicht zu sehr zu erzwingen.
Ja, warum war es ein Fehler, den Freitagabend zu planen? Man sollte ganz einfach an Bruce' und meiner Stelle immer damit rechnen, dass das eintreten kann, was eintrat. Rodrigo schlug uns vor auf ein Feierabendbier mit uns in die Wohnung zu kommen und die Arbeitswoche so auf eine entspannte Art ausklingen zu lassen. Wir hielten das für eine sehr adäquate Maßnahme vor dem Hintergrund, dass wir in dieser Woche ganze zwei Tage wirklich gearbeitet hatten, die wir als ausreichende Rechtfertigung für ein oder drei Bier sahen. Leider rutschten uns bei der Besprechung des Plans die Worte "später", "wir", "Bier" und "Wohnung" etwas zu laut heraus, so dass Ilse hellhörig wurde. Leider ist Ilse nicht die, die fragt, ob sie nicht auch kommen kann. Und so schrie Ilse also in die von unseren Mitarbeitern gefüllten Räumlichkeiten "PARTY BEI DEN JUNGS!"
Eine knappe halbe Stunde später saßen wir, das heißt Janek, Minja, Bruce und sein deutscher Freund Yannick, Ben, mein gesamtes Team aus Acógeme und noch ein paar scheinbar von Mitarbeitern eingeladene Bekannte - wenn schon einmal Party bei uns ist, dürfen natürlich die Massen nicht fehlen.
Was soll jedoch das Gemoser? Minja hatte Kuchen gebacken und so ging es auf zu Gaby. Wir hatten uns überlegt, - Planung! Fehler! - dass, wenn wir eine Stunde zu spät ankämen, kämen wir wahrschienlich zusammen mit den anderen Gästen, die als Chilenen dem Gastgeber sowieso immer eine Stunde mehr für Vorbereitungen schenken, wären aber immer noch früh genug, um danach noch zu humanen Zeiten in die Disco zu gehen bzw. so, dass es sich lohnt, den Eintritt zu zahlen. Oft frage ich mich beim Erzählen solcher Anekdoten aus meinem Leben hier in Chile, ob es wirklich notwendig ist, zu erwähnen, dass es nicht so kam, wie wir uns das erdacht hatten. Der Plan wurde unglaublicherweise durchkreuzt.
Wir kamen in der an den Bergen gelegenen Wohnsiedlung um halb elf an. Es war schon dunkel und die kühle Nachtluft strich uns sanft über das Gesicht, als wir staunend und wie versteinert den Hang hinunter in Richtung Zivilisation sahen. Gierig saugten wir die Aussicht der tausend Lichter bei Nacht ein, die einen goldgelben, flimmernden Schleier über das sonst so trocken grüne La Florida zogen. Nach einer Schweigeminute für diesen vergänglichen Augenblick betraten wir die Siedlung in der wir auf Rocío trafen, eine Freundin von Gaby, die uns zum Haus des Geburtstagskindes führte. Leider wurden wir schon auf dem Weg dorthin mit der traurigen Wahrheit konfrontiert. Mit der Wahrheit, dass außer zwei guten Freunden von Gaby und Rocío noch niemand da war. Selbst Gaby war noch einkaufen. Nun, die Dinge laufen hier einfach anders. Genervt, aber eisernen Willens, diesen Abend auf meinen Besuch, Gaby Geburtstag, die Jugend, Chile, Deutschland und das Leben anzustoßen, tranken wir gemütlich einen Rum und warteten.
Fortsetzung folgt...
PS. Ich habe meine Fotogalerie wieder einmal aktualisiert. Viel Spaß beim durchstöbern!
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen