Dienstag, 9. Februar 2010

Der Avocado-Mann

An der Ecke von Walker Martinez und der Straße La Concepción – oder scheinbar ist das schon gar nicht mehr La Concepción, sondern schon Julio Vildosola – steht ein Herr, der jeden Tag Avocados in Tüten verkauft. Die Tüte für tausend Pesos. Ich komme oft dort an der Ecke vorbei, denn sie liegt genau auf dem Weg zum Supermarkt und zur großen Shopping-Mall mit all ihren Wundern und Grauen.
Wenn ich also vorbeikomme an der Ecke von Walker Martinez und der Straße, mit welchem Namen auch immer, schaffe ich es jedes Mal mir ein Lächeln hervor zu zaubern, das ein wenig größer ist als das, das ich einigen freundlichen Nachbarn schenke. Manchmal ist auch sein Sohn da. In Wirklichkeit weiß ich nicht, ob es sein Sohn ist, aber ich bin mir da sehr sicher, denn er sieht dem Avocado-Mann sehr ähnlich und außerdem hat er diese Stimme, einzigartig in der großen Welt des Avocado-Handels, diese unvergleichliche Stimmlage mit der er sagt „Avocados“, wobei er viel mehr a’s in die Mitte des Wortes legt, als es in seiner geschriebenen Form eigentlich hat. Einmal habe ich auch seine Tochter gesehen. Sie saß auf den blauen Plastikkisten und schaute in eine andere Richtung, aber dennoch wusste ich, dass sie seine Tochter war. Nachts kommt immer ein weißer Van und sie verstauen ihre Tüten und Kisten und fahren weg.
Manchmal hat der Avocado-Mann nicht viel zu tun. Manchmal halten die Autos nicht an der Ampel, die an der Ecke steht, und fahren vorbei ohne eine Tüte Avocados zu kaufen. Dann denke ich an ihn und wüsste gerne, wie sein Leben so läuft. Ein Junge mit Interessen weit weg von Avocados oder anderem Gemüse hat ja von vielem keine Ahnung. Wie steht wohl der Weltmarkt der Avocado? Wie soll man das wissen? Aber abgesehen davon würde mich auch interessieren, wie es ihm geht. Ich sehe ihn fast nie viel verkaufen. Eine Tüte hier, eine andere da, aber wie viele Tüten Avocados kann ein Mann an einer Ampel verkaufen? Reicht es ihm wohl zum Leben? Ich weiß ja, dass er Kinder hat – oder zumindest bin ich mir sehr sicher, dass es seine Kinder sind, wirklich, mit diesem Ton in der Stimme und diesem Gesicht voll von Melancholie, aber resistent und den Kopf immer schön oben.
Mit all diesen Gedanken bekomme ich manchmal Lust, mit ihm zu reden. Aber man muss seine Arbeit auch ernst nehmen und ich will ihn ja nicht stören, denn es könnte ja sein, dass genau wenn wir uns unterhalten ein Auto vorbeikommt mit jemandem, der gerne Avocados kaufen würde, aber dass wir es wegen unserer Unterhaltung gar nicht mitbekommen und letztendlich ist das nicht, was ich will, im Gegenteil. So passiere ich die Ecke und grüße ihn mit einem freundschaftlichen Blick. „Guten Tag“, sage ich dann, wie es sich gehört und „Hallo, guten Tag, wie geht es dir?“, antwortet er. Immer noch an der Ecke, immer noch den Blick auf ihn gerichtet sage ich „gut“ – wie auch immer es mir in dem Moment geht, aber ich will nicht, dass er sich um mich sorgt und außerdem sagt man immer „gut“ – „und Ihnen?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass er mir dasselbe antworten wird auch, wenn es nicht so wäre, aber ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass es genauso gut die Wahrheit sein kann. „Gut“, sagt er. Und danach noch „Gott sei Dank“. Wie schön, dass er das sagt. “Wie schön”, sage ich ehrlich, aber die Unterhaltung beendend, das Ende der Straße nähert sich schon, “Machen Sie es gut!”.
Ich mag ihn sehr, den Avocado-Mann. Leider kaufe ich fast nie Avocados und kann daher sein Geschäft nicht groß unterstützen, aber wenn ich Avocados bräuchte, wüsste ich, wo ich sie bekäme und würde frohen Mutes zu dem Herrn gehen, um die schönsten Avocados zu bitten, die er hat.
Seit einiger Zeit sehe ich ihn schon nicht. Gut, es ist Februar und viele Leute fahren in die Ferien. Ob er wohl auch gefahren ist? Ich freue mich über die Vorstellung, dass er mit seiner Familia am Strand liegen könnte. Hoffentlich ist es auch so und hoffentlich kommt er zurück, nur um ihn wieder begrüßen zu können, auch wenn er sich nicht vorstellen kann, dass es jemanden gibt, wie mich, der so viel an ihn denkt. Hoffentlich geht es ihm gut, ihm und seiner ganzen Familie. Am Wochenende werde ich einkaufen gehen. Mal schauen, ob er da ist…
Übersetzung von Daniel Stoecker, „El tío palta“ aus „Historias de un Chile“