Hallo ihr alle,
nachdem ich am Samstag ja einen Lagebericht an Freunde und Verwandte geschickt habe und scheinbar die ein oder andere Seele beruhigen konnte, gibt es jetzt diesen neuen Lagebericht hier in meinem Blog, damit jeder, der ihn liest, bescheid weiß. Mir geht es immer noch gut, keine Sorgen. Ich habe dem Bericht keine Fotos hinzugefügt, die man hier rund um die Uhr zu sehen bekommt, sende euch aber einen Link mit eindrucksvollen Fotos, falls es euch interessiert (sehenswert, aber erschreckend!).
Unten seht ihr aber meine Fotos, weniger grausam, aber halt das, was ich erlebt habe.
Montag, 01.03.2010
Neuer Lagebericht:
Es sind nun mehr als 48 Stunden nach dem Erdbeben vergangen und während sich in Santiago die Lage so weit wieder zu normalisieren beginnt, werden weiter im Süden in Concepción, Talcahuano und Constitución erst die wahren Ausmaße der Katastrophe klar. Inzwischen ist die Zahl der Toten auf über 700 gestiegen, der Sachschaden steht bei geschätzten 30 Milliarden US$, Häuser, Viertel und sogar ganze Dörfer sind vom Erdboden verschwunden. Dafür ist neben dem Erdbeben zum größten Teil der Tsunami verantwortlich, der die Küste Chiles an einigen Stellen wenige Minuten nach dem ersten großen Beben erreichte. Es gab keine Zeit für Warnungen, Evakuierungsversuche oder Vorkehrungen, Leute wurden erst vom Erdbeben geweckt und dann eine viertel Stunde später vom Wasser überspült. Die grauenhaften Bilder, die wir seither im Fernsehen sehen, werden immer mehr, die Zahl der Betroffenen steigt weiterhin.
Tausende Menschen wohnen auf der Straße (sogar in Santiago sind es viele hunderte, die ihre Häuser verlassen), man kennt viele, die aus ihren Häusern mussten oder immer noch nichts von Freunden und Verwandten aus dem Süden wissen. Die Leute schlafen in Zelten oder bei Bekannten. In den schwer betroffenen Regionen ist die Lage noch deutlich dramatischer. Teilweise wurden gesamte Dörfer von der Welle ausradiert und so sitzen alle Überlebenden auf der Straße. In Concepción ist die Feuerwehr seit den frühen Morgenstunden dabei, Überlebende in einem 15-Stockwerke hohen Haus zu suchen, das durch ein Nachbeben umgefallen war. Bisher ohne große Erfolge. Und sie können nur bis abends arbeiten, da es nachts kein Licht gibt, denn der Strom ist immer noch nicht wieder hergestellt in Concepción.
Neben dem großen Problem der Zerstörung von Häusern und Straßen begann sofort darauf das nächste: Die Menschen haben Hunger. Es gibt weder Wasser noch Lebensmittel in einigen Teilen des Landes, Straßen sind oft nicht befahrbar durch eingestürzte Brücken und somit sind Einige Städte nicht nur zerstört, sondern auch vom Rest des Landes abgeschnitten. Geld- und Blutspenden werden gesammelt, um die provisorischen Feld-Krankenhäuser zu beliefern, aber die gesunden Menschen begannen noch am Samstag eine Lösung für ihr Problem zu suchen: Hunger und Verzweiflung verwandelten sich in geballte Kraft, mit der Menschen zu hunderten Supermärkte aufbrachen und klauten, was nicht vom Beben zerstört war und es dauerte nicht lange, dass auch Leute in Santiago die Lage ausnutzten und in großen Gruppen, Läden stürmten. Die Interviews im Fernsehen sind erschreckend, denn es gibt Menschen, die weinend mit Kindern auf dem Arm sagen „ich werde nichts klauen, irgendwie geht das schon“, andere, die sagen „Ich klaue, um meine Kinder zu ernähren“ und wieder andere, die mit Plasma-Fernsehern und anderen elektronischen Geräten aus den Läden kommen und sich ihren eigenen Nutzen aus der Sache ziehen. Daher kamen gestern Nachmittag die ersten Polizisten zum Einsatz, die Mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Leute vorgingen. Auf der einen Seite etwas grausames, auf der anderen Seite macht es mich wütend, zu sehen, wie Leute mit Bier und 10-Kilo Zucker aus den Läden kommen und einfach des Klauens wegen klauen. Einer sagte sogar „ich muss erst mal einen auf den Schock trinken“, als er mit Alkohol aus einem Supermarkt kam.
Jetzt ruft mir gerade Mimi zu, dass sie in Concepción nach dem Ausrauben, einen Supermarkt angezündet haben und da es kein Wasser gibt, kann er nicht gelöscht werden. Da frag ich mich, wer so zurückgeblieben sein kann, um so einen Mist für einen neuen mp3-Player oder eine Waschmaschine zu machen. Die Bürgermeisterin sagt jetzt in einem Interview, dass die Stadt außer Kontrolle ist. Es gibt strikte Ausgangssperre ab 21 Uhr abends und es werden Soldaten eingesetzt, um bei nächtlichen Vorfällen zu schießen, doch es wären nur wenige, die zur Verfügung stehen im Vergleich zu all den Menschen, die verzweifelt aus Hunger oder Gier zum Klauen bereit sind. Unglaublich, was sich dort abspielt!
Ansonsten bin ich es leid, Fernseh zu schauen und weinende Kinder zu sehen, die ihre Eltern suchen etc. Ich find es grausam genug, aber kann es mir nach drei Tagen auch nicht mehr antun. Darüber hinaus beginnen die Sender jetzt damit, dramatisch schnulzige Trauermusik unter die schlimmsten Szenen zu legen, so dass das ganze wirklich unerträglich wird.
Nun etwas zurück zu mir: In Santiago funktionieren Wasser und Strom zu großen Teilen wieder normal, die U-Bahn fährt (wenn auch mit Verzögerungen), Supermärkte öffnen vorsichtig wieder die Türen, wenn auch teilweise wegen der Ereignisse der letzten Tage unter polizeilicher Aufsicht. In meiner Arbeit ist das Dach ziemlich instabil und sieht nicht mehr sehr gesund aus und außerdem hat es den Raum mit Internetanschluss, Routern und Servern ziemlich durchwühlt, sodass ich heute relativ früh wieder gehen konnte. Ich denke, morgen gibt es auch kein Internet, daher werde ich mit Carla am freiwilligen Helferdienst teilnehmen, bei dem junge Leute durch die Stadtteile gehen und bei Räumarbeiten helfen, gespendete Decken und Nahrungsmittel an Leute auf der Straße verteilen, Spenden sammeln und halt tun, was anfällt. Ich fühle mich schon seit gestern schlecht, da ich einen gesunden Körper habe, aber nicht helfen kann. Außerdem sitze ich in der Arbeit ohne Internet sowieso nur untätig rum und schaue zum zehnten Mal dieselben Bilder im TV an.
Ich habe vorgestern bei Nico und gestern bei Carla übernachtet, werde aber wohl heute zurück in meine Wohnung. Die ist zwar noch voller herunter gebröckeltem Putz und ein paar Rissen in der Tapete, aber wenigstens steht das Haus noch. Gestern hat es noch ein zwei Mal gebebt, aber das war es dann auch schon. Es heißt jedoch, dass man mit weiteren Nachbeben in den gesamten kommenden zwei Monaten rechnen soll und beim letzten großen Erdbeben in Chile (1985) kam das schlimmste Nachbeben erst einen Monat später. Also ganz vorbei ist die Angst noch nicht.
Ich werde euch auf dem Laufenden halten. Macht's so weit alle gut und am besten keine Sorgen mehr um mich!
Daniel
Ich werde euch auf dem Laufenden halten. Macht's so weit alle gut und am besten keine Sorgen mehr um mich!
Daniel
Hier ein paar weniger erschreckende Bilder, aber dafür Fotos, die ich geschossen habe, von dem, was ich hier sehen konnte (es wird morgen beim Helferdienst sicher schlimmer).
Mein Zimmer nach dem Beben, hinter den Möbel ist die Tapete von großen Rissen geteilt.
Die Decke in unserem Badezimmer, nur ein Beispiel der kleinen Narben, die man auch bei uns findet.
Ein altes Haus ist komplett in sich zusammengebrochen.
An jeder Ecke sieht man Schäden an Wänden...
...oder kaputte oder fehlende Scheiben.
Absperrbänder um die Kirche in Peñaflor.
Noch steht der Kirchturm,...
...doch man vermutet weit größere Schäden im Innern.
Eins der typischen Bilder: Mauern in Gärten oder Höfen sind eingestürzt.
Die Decke des Eingangsbereiches meiner Arbeit. In den Wänden befinden sich Risse (hier nicht zu sehen) und man betrachte die Wölbung des durchhängenden Daches.
Eindrucksvoll: Eins der sonst voller Lichterketten geschmücktenChinarestaurants wird von einer einzigen Kerze beleuchtet.
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